Mark - Ein Nashorn in der Stadt

von Araceli Mangione

In einer der ältesten Metrostationen der Welt, der London Bank Station, ist ein Nashorn im Gange. Das belebte Breitmaulnashorn heißt Mark, genau wie der kanadische Bankmanager Mark Carney, der seit 2013 Gouverneur der Bank of England ist. Das prächlige, gemächliche und trittsiche Tier ist seit der Antike ein wiederkehrendes Motiv der Kunstwelt, von Illustrationen aus der chinesischen Antike zu den graphischen Holzschnitten des bekannten deutschen Malers und Graphikers Albrecht Dürer1 (1471-1528) und der Lithografie des süd-afrikanischen Künstlers William Kentridge (b. 1955). 

Für Szu-Ying Hsu (geb. 1983 in Taipei, Taiwan) stammt die Idee ein Nashorn in der Stadt auszusetzen ursprünglich von dem Gedanken ein gewisses Nashorn zu befreien—eine ehemalige Bühnenrequisite, die jetzt im Victoria und Albert Museum als eine Besonderheit der Sammlung Theatre und Performance darstellt. Das realistisch anmutende Nashorn besitzt eine körperliche, plastische Qualität, sowie verschiedene Strukturen, Mechaniken, und Materialien, die ihm eine haptische, gleichsam künstlerische Beschaffenheit verleiht. Genau für diesen bildhauerischen Schaffensprozess und seine theatralische Anpassungen interessiert sich Hsu. 

Mark ist eine selbst-hergestellte Nachbildung des Nashorns des Museums. Das Original wurde 2007 von Jim Boulden des Kollektives Animal Makers Inc. geschaffen und erschien in dem Nachkriegsttheaterstück Rhinocéros, ein Klassiker des Theaters des Absurden von dem rumänisch-französischen Dramatiker Eugéne Ionesco (1909-1994). Geschrieben 1959, wurde die Umwandlung vom Menschen zum Nashorn als eine humorvoll beunruhigende Erscheinung dargestellt, die die Bürger schließlich bewunderten und sogar dazu verleitete den Unsinn zu verfolgen. 

„Mark“ spielt auf das gleiche Zurgerörigkeitbedürfnis an, setzt sie jedoch in den heutigen Kontext, dank sozialer Medien, was die Einzelpersonen an ihre seltsame Isolation erinnert. Die Irrationalität Hsus und Marks Spaziergangs schüttelt die im Automatismus gefangenen Passanten auf. Dies führt zu einer Reaktion der Passanten und dazu den Betrachter seiner Selbst bewusst zu werden. Wie entscheidet er seine nächsten Schritte? Greift er intuitiv zu seinem Handy? Oder missachtet er es? 

Von Taiwan über Deutschland nach England und wieder zurück nach Deutschland, hat sich nicht nur Hsus Zuhause erweitert, sondern auch ihr Ansatz zur Kunst. An der Taipei National University of Arts (TNUA) spezialisierte sich Hsu auf chinesische zeitgenössische Tintenmalerei, Ölgemälde und Bildhauerei. Seit ihrem Studium in Deutschland setzt sich Hsu mit der Richtung experimentelle Film und Performance auseinander. Da Europa eine bestimmte Vorstellung von menschlicher Existenz anbietet, so wie das Zusammenleben der Menschen verschiedener Kulturen und Gesellschaftssysteme, sucht Hsu nach einer Koexistenz. Zwischen Welten hin und her gerissen, kerht sie zur Nostalgie zurück, zur kindlich-unschuldigen Freude, Befreiung und Fantasie. Zwar spielerisch und neugierig, stellt die Arbeit gewisse Unsicherheiten und Ängste vor. 

1 Im Jahr 1515 hat Albrecht Dürer (1471–1528) einen grafischen Holzschnitt eines Nashorns gefertigt, der in Windeseile durch ganz Europa verbreitete. Obwohl Dürer das Nashorn nie im Echt sah, schuf er den Holzschnitt nach einer Beschreibung und einer Skizze eines Augenzeugen. Sogar bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde Dürers Nashorn in naturwissenschaftlichen Texten und Schulbüchern als anatomisch-korrekte Abbildung anerkannt.