Klanghaut

von Melina Magiroglou

Eine Rüstung aus Porzellan, gefertigt aus einem Geflecht von unzähligen einzelnen Elementen. Die glatten glänzenden Plättchen sind lichtdurchlässig und erzeugen beim Tragen ein feines Klingeln. Im Rahmen einer Performance tragen zwei Personen die Rüstungen am Abend der Eröffnung, während eine leere Vitrine auf eine der Rüstungen wartet. Ausgestellt wird so nicht nur die Rüstung, sondern auch die Spuren des Tragens, die die Performance zwangsläufig hinterlassen wird. Die Kontrolle abgeben wird die taiwanesische Künstlerin Szu-Ying Hsu erst ab dem Beginn der Ausstellung. Diesem Moment voran geht ein monatelanger Arbeitsprozess, in dem sie mit enormer Akribie diverse Versuchsstadien erprobt, bis das Porzellan dem traditionellen Eierschalenporzellan entspricht. Der ausgestellte Arbeitstisch „Labor für eine Rüstung“ macht diese forscherische Stringenz erfahrbar. Zwischen Modekleidung, Skulptur und Gebrauchsgegenstand entsteht ein Objekt mit changierender Aussagekraft. Die Rüstung ist eigentlich ein tragbarer Schutz. Diese Funktion wird durch die Fragilität des Materials unterwandert, so dass die TrägerInnen verletzlich bleiben. Die „zweite Haut“ wird zum schützenswerten Objekt. Der Wunsch nach Protektion zeigt sich als ein menschliches Grundbedürfnis, das vor allem bei jeder Reise entscheidend wird. Als Beschützer der eigenen Seele beim Übergang von der Welt der Lebenden in die Welt der Toten waren auch schon die Soldaten der chinesischen Terrakotta-Armee gedacht, die Kaiser Qin 200 Jahre v. C. an seiner Grabstätte aufreihen ließ. Von den Rüstungen dieser Soldaten ließ sich Hsu inspirieren. Durch Kontextverschiebungen entstehen in Szu-Ying Hsus Werken Humor und Leichtigkeit. Hierin ähnelt Klanghaut zahlreichen ihrer vorangegangenen Videoarbeiten, Performances und Skulpturen. Sie verhandelt darin ihren persönlichen Erfahrungsschatz aus zwei Kulturen, reflektiert ihre Rolle in fremden Umgebungen und untersucht auf poetische Weise den emotionalen Gehalt von Mode.